Lachenmann Art

NACHWELT

Exhibition ›NACHWELT‹ @ Lachenmann Art Frankfurt Photo Credits Daniel Beyer
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Exhibition ›NACHWELT‹ @ Lachenmann Art Frankfurt Photo Credits Eric Tschernow
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›NACHWELT‹

Agnes Lammert            works

Franziska Klotz             works

Jirka Pfahl                      works

Ronny Szillo                    works
 

Frankfurt 17/07/2021—15/10/2021

The exhibition ›NACHWELT‹ is supported by the Stiftung Kunstfonds and the special funding program 20/21 NEUSTART KULTUR. / Die Ausstellung ›NACHWELT‹ wird gefördert durch die Stiftung Kunstfonds und dem Sonderförderprogramm 20/21 NEUSTART KULTUR.

Zeitsprung

 

Seit es Geschichte gibt, im Sinne des Erzählens der Vergangenheit, gibt es ebenso den Versuch, eine „Geschichte von Morgen“ zu erzählen, den Versuch, das Zukünftige zu erschließen und vorherzusagen. Dieses Nachdenken über die Zukunft, die selbstverständlich nie genau vorhersehbar ist, ist dadurch immer mehr eine Reflexion der Vergangenheit und Gegenwart: Vom Orakel von Delphi der Antike bis zu Prognoserechnungen zu Epidemieverläufen in der Gegenwart, ist es das den Ist-Zustand beschreibende „Erkenne dich selbst“, das gesellschaftliche Vorhersagen möglich und sinnvoll macht. „Besonders wichtig ist […], dass diese Prognose weniger eine Prophezeiung als vielmehr eine Diskussion über unsere gegenwärtigen Wahlmöglichkeiten sein soll. Wenn die Diskussion dazu führt, dass wir uns anders entscheiden und die Prognose sich damit als falsch erweist, umso besser. Denn was hätten Prognosen für einen Sinn, wenn sie nicht alles verändern könnten?“ schreibt Yuval Noah Harari in seiner Zukunftsanalyse „Homo Deus“. Ebenso beschäftigt sich auch (Pop-)Kultur von dystopischen und Science-Fiction Romanen von George Orwell oder Margaret Atwood bis hin zu Roland Emmerichs Hollywood-Katastrophen-Porno über das Medium der Zukunftsbeschreibungen in erster Linie mit zeitgenössischen Problematiken politisch-gesellschaftlicher beziehungsweise ökologischer Natur.

 

Die Ausstellung „Nachwelt“ setzt die Prämisse der Zukunft nach einer dystopischen Katastrophe, in der menschliche Relikte und Artefakte die einzigen Zeugnisse unserer Existenz sind. Die vier Künstler:innen der Ausstellung, Franziska Klotz, Agnes Lammert, Jirka Pfahl und Ronny Szillo, reflektieren diese mögliche Nachwelt, gehen aber – wie alle Zukunftserzählungen – in erster Linie über eine Reflexion der Gegenwart in die Gedankenwelt der Zukunft.

 

Die Serie „Work in Progress“ von Ronny Szillo zeigt diese zukünftigen menschlichen Artefakte. Er imaginiert darin ein Szenario der Zukunft, in der die Überreste unserer Zivilisation gefunden werden. Wenn wir versuchen, uns durch Grabfunde und Verzierungen von Keramikscherben vergangene menschliche Zeitalter vorzustellen, was würden die Zukünftigen aus zu Fossilien gewordenen Handys, Sneakern oder Fidget-Spinnern über uns schließen? Künstlerisch befragt Szillo in seinen Fossilien die „schöne neue“ digitale Welt, versucht die dort verhandelten Themen und ihre eigenständige Ästhetik aber gleichzeitig zurückzuführen ins „IRL“, das reale und vor allem haptische Leben.

 

„Work in Progress“ denkt den bloßen Abdruck moderner Fossilien weiter, indem er nicht abbaubare Produkte wie Kunststoffzahnbürsten oder Sneakern, die auch ohne einen Abdruck zu hinterlassen uns Nutzende überleben werden, mit keramischen und künstlerischen Artefakten zu Assemblagen zusammenfügt. Besonders die Auseinandersetzung mit klassischen bildhauerischen Sujets wie Ton oder Gussmaterialien, bei gleichbleibender inhaltlicher Bearbeitung zeitgenössischer Themen, ist elementar prägend für sein Arbeiten. In der ausgestellten Serie collagiert Szillo industriegesellschaftliche Massenprodukte wie Zahnbürsten, Essstäbchen oder Turnschuhe in Beton, besonders der Sneaker zieht sich dabei durch Szillos Werk wie – um im Bild der Archäologie zu bleiben – ein modernes Leitfossil. Szillo tritt damit in die Tradition der Wegbereiter der Pop Art wie Robert Rauschenberg oder Claes Oldenburg, die in ihren Materialobjekten ebenfalls Produkte urbaner Zivilisation verarbeiten, ihre Aufmerksamkeit aber – auch in Abgrenzung zu Zeitgenossen wie Warhol oder Indiana – auf das „Verbrauchte und Ausgesonderte“ richten, wie Klaus Honnef es beschreibt. Ronny Szillo bedient sich damit einer im 20. Jahrhundert tradierten Ästhetik, die er mit zeitgenössischen Fragestellungen anreichert und kritisch ins 21. Jahrhundert überführt.

 

Auch die Malerei von Franziska Klotz setzt sich mit den Themen Erinnerung und Zukunft und ebenfalls mit archäologischen Funden auseinander. Die Arbeit „Tür“ ist auf den ersten Blick ein Bild im Bild: auf einer Tür oder Wand, mutmaßlich in einem Atelier, hängen etwa ein Dutzend Porträts dunkelhaariger Frauen, skizzenhaft auf Papier gemalte Büsten und Kopfbilder en face, die mit Klebestreifen zusammen mit Landschaftsskizzen, Miniaturen und einer Buchseite als Ideensammlung und Inspirationsquelle in ein Interieur gehängt sind. Die Frauen auf den Bildern sind keine Zeitgenossinnen der Künstlerin oder von ihr imaginierte Personen, sondern antike Römerinnen, die für ihre Mumien Porträts auf dünnen Holztafeln von ägyptischen Malern anfertigen ließen. Das zunächst gesehene Bild im Bild verwandelt sich in ein Bild im Bild im Bild, ein dreifach gemaltes Porträt, ein 2000 Jahre währendes Mise en abyme. Und auch die Dargestellten sind in doppelter Hinsicht in der Nachwelt angekommen. Durch ihre Mumifizierung wurden sie auf das Leben nach dem Tod vorbereitet und befinden sich gleichzeitig in einer für die Antike wahrscheinlich noch unmöglicher vorzustellenden Nachwelt, 2000 Jahre später in der Zeit.

 

Die Arbeit von Franziska Klotz ist ein Nachdenken über das Medium der Malerei und die Verantwortung der bildenden Kunst für zukünftige Generationen: Obwohl keine der dargestellten Frauen namentlich bekannt ist, häufig nicht mal der Ausgrabungsort oder -kontext überliefert sind, sind sie durch ihre lebensnahe Erscheinung wichtige Zeuginnen unserer Vorstellung von Geschichte und Kunst, die nicht nur die Porträtierten überlebt, sondern in der Lage ist, ihre Gegenwart in unsere Zukunft zu tragen. Auch die anderen Malereien der Ausstellung thematisieren die Überführung von Gegenwärtigem in eine mögliche Zukunft. „The Purloined Letter“ zeigt die Rückseite eines Briefumschlags, malerisch auf ein Vielfaches vergrößert, dessen einzige Zuordenbarkeit eine unleserliche Absenderadresse ist. Besonders in seiner zerknitterten Form ist auch der Brief ein Zeugnis der Vergangenheit und – in der Kunstgeschichte – Symbol für die Überführung des Geschriebenen über den Tod hinaus. Auch die in einen nebulösen Hintergrund laufende „Moorbrücke“ lässt sich symbolisch als Weg in eine Nachwelt deuten. Die figurative Malweise von Franziska Klotz, die abstrakte Flächen und Unschärfen zulässt, unterstützt die transformative Atmosphäre ihrer Sujets.

 

Während Franziska Klotz die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet und so eine mögliche Zukunft entwirft, arbeitet Jirka Pfahl mit einem gerade in der Gegenwart angekommenen Medium, das sich in der Kunstwelt trotzdem wie Zukunftsmusik anhört. Mit dem finanziellen Erfolg, besonders auf internationalen Auktionen, sind NFTs (Non-fungible-Tokens) seit 2020 im Allgemeinwissen der Kunstwelt angekommen. Jirka Pfahl adaptiert die künstlerischen Strategien, die er bislang in seinen „Faltungen“ in Papier umgesetzt hat, geometrisch angelegte Kompositionen, die an architektonische Fassadenelemente im Bau- oder Formsteinprinzip erinnern, als NFT für den digitalen Raum. Die in diesen Papierarbeiten angelegte künstlerische Fragestellung, changierend zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, die sich mit den Grenzen von Skulptur und Bild und gleichzeitig mit der klassischen Materialität dieser auseinandersetzt und sie hinterfragt, bekommt damit eine weitere, digitale Dimension.

 

Die Frage nach dem „Überleben“ von Kunstwerken als menschliche Artefakte wird, in ein potenziell unendliches Medium überführt, größer und dringlicher, hinterfragt aber gleichzeitig, ob die digitale Form im Falle einer dystopischen Katastrophe – wie sie das Gedankenspiel dieser Ausstellung voraussetzt – wirklich langfristig dem Analogen überlegen wäre: Wenn die Dinosaurier vor 70 Millionen Jahren Smartphones und die zugehörigen Datenbanken gehabt hätten, könnten wir das, anders als ihre durch Knochenfunde gesicherte Existenz, nicht nachweisen. Und trotzdem zeigt Jirka Pfahl innerhalb seines Ordnungssystems, das sich als Algorithmus programmiert unendlich variieren kann, die neuen und zukünftigen Möglichkeiten innerhalb der Kunst, die, vom Menschen angestoßen, eigenständig variieren und wachsen kann.

 

Agnes Lammerts „Schwere“ wirft ebenfalls die Idee der den Menschen überdauernden Kunst auf. Ein Bündel hängt von der Decke, zu sehen ist auf den ersten Blick eindeutig der Körper eines Menschen, der sich kleinmacht, die Knie an die Brust zieht. Kopf, Rücken, Beine und Füße formen sich augenscheinlich unter einer den Körper tragenden Stoffbahn ab. Der die Körperform umhüllende Faltenwurf zeigt dabei vielmehr das, was nicht vorhanden ist, nämlich einen Menschen. Das Verhüllen mit Stoff betont das Darunterliegende, konzentriert sich auf das Wesentliche und macht es dadurch sichtbar. In der katholischen Kirche wird das Kruzifix vor Ostern verhüllt und verehrt, die Konzentration auf das, was darunter geschieht wird innerhalb des Kirchenjahres dadurch maximal gesteigert. Bei Auguste Rodins „Denkmal für Balzac“ wird der Körper vollständig durch einen Mantel verdeckt – beziehungsweise ersetzt - und auch die klassischste aller Skulpturen, die Nike von Samothrake, ist in ihrer heutigen Gestalt, ohne Kopf und Arme, reiner Faltenwurf. Die Abwesenheit des Körpers in der Skulptur ist zugleich die Konzentration auf den Menschen und, in einer potenziellen Nachwelt, sein Fehlen.

 

Diese Gegensätze bestimmen das Werk von Agnes Lammert: Die Abwesenheit des Menschen in der Nachwelt trifft auf die Notwendigkeit sich beim Betrachten ihrer Arbeiten körperlich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wenn die Kunst den Menschen also überleben sollte, was ist sie dann noch Wert ohne den Bezug zu ihren Betrachter:innen? Und: Kann Kunst ohne das Gegenüber des Menschen überhaupt als solche bezeichnet werden? Diese metaphysischen Ambivalenzen von Schrödingers Kunstwerk in der Nachwelt werden in den Arbeiten von Agnes Lammert deutlich. In ihnen zeigen sich gleichsam Schwere und Leichtigkeit, die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Materialbeschaffenheit und -wirkung, das Vorhandene und bewusst Weggelassene.

 

Die vier künstlerischen Positionen der Ausstellung „Nachwelt“ zeigen in ihren unterschiedlichen Ansätzen die zentrale Stellung des Menschen, selbst in einer dystopischen, nachmenschlichen Zukunft, und untermalen das humanistische Credo, nachdem sich das Universum geistig um die Menschheit dreht. Das Anthropozän, das Zeitalter der Menschen, wird von ihnen im retrospektiven Futur II analysiert: Der Mensch wird gewesen sein, was wird aus seinen Relikten, was wird aus der Kunst? Und warum interessiert uns das überhaupt, wenn es sowieso keine Zeug:innen dieses Zustandes geben wird? Die Distanz zur eigenen Gegenwart wird über die Analyse dieses postapokalyptischen Zustandes möglich und birgt die Möglichkeit einer Reflexion des Menschen in der Gegenwart.

– Sophia Pietryga

Zeitsprung (Jump in Time)

 

Ever since we talk about history in sense of telling the past, it has also been attempted to tell a "story of tomorrow" - an attempt to expose and predict the future. Contemplating the future, which is never exactly predictable, is therefore increasingly a contemplation of the past and present: From the antique Oracle of Delphi, up to forecasts of epidemic courses the maxim "know yourself" makes social predictions possible and meaningful. "What is particularly important [...] is that this prognosis should be less a prophecy than a discussion of our current choices. If the discussion leads us to decide differently and the prognosis turns out to be wrong, all the better. After all, what sense would forecasts make if they could not change everything?" writes Yuval Noah Harari in his analysis of the future Homo Deus. Likewise, (pop)culture - from dystopian and science fiction novels by George Orwell or Margaret Atwood to Roland Emmerich's Hollywood style, catastrophe-loving movies – deals primarily with contemporary problems of a political, social, or ecological nature by using descriptions of the future.

 

The exhibition "Nachwelt" (Prosperity) sets its premise of future after a dystopian catastrophe, a time in which human relics and artifacts are the only testimonies of our existence. The four artists in this exhibition, Franziska Klotz, Agnes Lammert, Jirka Pfahl and Ronny Szillo reflect on this possible posterity but – like all narratives of the future – arrive in the mind-set of the future through reflections about the present.

 

The series "Work in Progress" by Ronny Szillo show artifacts of an extinct society. He envisions a scenario of the future in which remains of our civilization are found. If we try to imagine past human ages by looking at grave finds and decorations on pottery shards, what would a future observer conclude about us from mobile phones, sneakers or fidget spinners that have become fossils? Szillo’s fossils are artistic investigations of the "brave new" digital world. He tries to renegotiate its themes and grapples with its aesthetics that have become detached from "IRL" - the real - and most importantly - haptic life.

 

"Work in Progress" even goes one step further by combining mere imprints of modern fossils with non-degradable products - such as plastic toothbrushes or sneakers - which will survive us without leaving an imprint. He creates assemblages with ceramic and artistic artifacts. Examination of classic sculptural subjects, such as clay or cast materials, while constantly dealing with contemporary themes in terms of content, is a main characteristic of Szillo’s work. In the exhibited series, he assembles collages from industrial mass products such as toothbrushes, chopsticks, or sneakers in concrete. Especially the sneaker runs through Szillo's work as – to remain in the image of archaeology – a modern guide fossil. Szillo thus remains in the tradition of the pioneers of Pop Art such as Robert Rauschenberg or Claes Oldenburg, who also process products of urban civilization in their material objects, but – also in contrast to contemporaries such as Warhol or Indiana – focus their attention on the "consumed and discarded", as Klaus Honnef describes it. Ronny Szillo thus makes use of an aesthetic form handed down throughout the 20th century, which he enriches with contemporary questions and critically transfers into the 21st century.

 

Franziska Klotz's paintings also deal with memory, future, and with archaeological finds. The work "Door" is at first glance a picture within a picture: On a door or wall, presumably in an art studio, hang about a dozen portraits of dark-haired women, busts sketched on paper and en face portraits, fastened with adhesive tape together with landscape sketches, miniatures and a book page – a collection of ideas and a possible source of inspiration in an interior. The women in the pictures are not contemporaries of the artist or persons imagined by her but ancient Roman women who had portraits made for their mummies on thin wooden panels by Egyptian painters. The picture in the picture turns into an image of the picture in the picture, a triple portrait, a 2000-year-old mise-en-abyme. The depicted have also arrived in posterity in two respects: Through their mummification they were prepared for life after death; at the same time the find themselves in a posterity 2000 years later, in a time that was probably even more impossible to imagine in ancient times.

 

Franziska Klotz's work is a reflection on painting in general and on the responsibility of visual arts in future generations: Even though none of the depicted women is known by name, often not even the excavation site or context has been recorded, but with their lifelike appearance they are important witnesses of our idea of history and art, which not only survives the portrayed but is able to carry their present into our future. The other paintings in the exhibition also address the transfer of the present into a possible future. "The Purloined Letter" shows the back of an envelope, artistically enlarged many times over, the sole point of identification being an illegible sender address. The letter is crinkled and thus also a testimony to the past and – in art history – a symbol for the fact that what is written endures beyond death. "Moorbrücke" (Moor Bridge) running into a nebulous background can also be interpreted as a symbolical path to posterity. Franziska Klotz's figurative style of painting, which allows abstract surfaces and blurring, supports the transformative atmosphere of her subjects.

 

While Franziska Klotz connects the past with the present to design a possible future, Jirka Pfahl uses a medium that has just arrived in the present; so new, that it still seems to be like a dream of the future in the art world. Since 2020, trough financial success especially at international auctions, NFTs (non-fungible tokens) have become known in the art world. Jirka Pfahl adapts the artistic strategies that he has so far implemented in his works of paper "Faltungen" (Folds) - geometrical compositions that are based on architectural facades, reminding on the building and formed block principle - as NFT for digital space. The artistic question posed in these works of paper, oscillating between two- and three-dimensionality, dealing with and questioning both the boundaries of sculpture and image and the classical materiality they are made of, acquires a further, digital dimension.

 

The question of the "survival" of works of art as human artifacts, transferred into a potentially infinite medium, becomes larger and more urgent, but at the same time questions whether in the long term the digital form in the event of a dystopian catastrophe – as the setting of this exhibition presupposes – would really be superior to the analogue: If the dinosaurs had had smartphones and databases 70 million years ago, we would not be able to prove they really existed, unlike their skeletons that stand as veritable proof. And yet, within his classification system which is programmed as an algorithm that has infinite variations, Jirka Pfahl shows the new and future possibilities of art. An art which is initiated by humans and can vary and grow autonomously.

 

Agnes Lammert's "Schwere" (Weight) also raises the idea of art that endures humanity. A bundle hangs from the ceiling, at first glance you can clearly see the body of a person who makes him/herself small, pulls his/her knees to his/her chest. The head, back, legs and feet are visible beneath a fabric that sustains the body. The drapery surrounding the shape of the body shows rather what is not present - a human being. The fabric used as a cover emphasizes the underlying, concentrates on the essential and thus makes it visible. In the Catholic Church, the Crucifix is veiled and worshiped before Easter, the concentration on what happens beneath is maximally increased throughout the ecclesiastical year. In Auguste Rodin's "Monument to Balzac", the body is completely covered by a coat – replaced by a coat. Also, the most classic of all sculptures "Nike of Samothrace" consists in its present form, without head and arms, of pure folds. The absence of the body in sculpture is at the same time the concentration on mankind and in a potential posterity its absence.

 

These contrasts determine the work of Agnes Lammert: The absence of mankind in posterity meets the necessity to deal with it physically when looking at her works. So, if art were to survive man, what is its value without reference to its viewers? And: Can art be described as such without a human counterpart? These metaphysical ambivalences of Schrödinger's work of art in posterity become clear in the works of Agnes Lammert. They show heaviness and lightness, the different perceptions of material properties and effects, the existing and the deliberately omitted.

 

The four artistic positions shown in the exhibition "Nachwelt" (Posterity) address in different ways the central role described to humankind, even in a dystopian post-human future and underline the humanistic credo that the universe revolves spiritually around humanity. The Anthropocene, the age of human beings, is analyzed by them in the retrospective future perfect: Mankind will have been. What will become of his relics, what will become of art? And why do we care at all if there will be no witnesses anyway?  Detachment from one's own present becomes possible through the analysis of this post-apocalyptic state of mind and holds the possibility of a meaningful contemplation of mankind in the present.

– Sophia Pietryga


Die Ausstellung ›NACHWELT‹ in der Frankfurter Galerie Lac
henmann Art beschäftigt sich mit der Frage, was von der Kunst und der künstlerischen Existenz im Falle eines dystopischen Ereignisses bestehen bleibt. In diesem Szenario blicken wir in eine Zukunft ohne den Menschen, jedoch mit all den Artefakten, die er hinterlassen hat. Jene imaginäre Dystopie ermöglicht dem Besucher, das menschliche Dasein aus einer scheinbaren Distanz zu betrachten und darüber den gegenwärtigen Seins-Zustand neu zu verstehen und zu beurteilen. In der Ausstellung ›NACHWELT‹ gewähren vier Künstler*innen Einblicke in ihre Reflexion und künstlerische Umsetzung zum Gedankenspiel einer potenziellen Nachwelt.


Die freihängenden Skulpturen von Agnes Lammert stehefür die Schwere einer Dystopie, die Vergänglichkeit und die darauffolgende Leichtigkeit. Der Künstlerin gelingt es mit der Arbeit ›Schwere‹einen fiktiv leichten, durchlässigen Stoff, der die Formen eines Körpers umschmeicheltzu gestalten. Die frehängende Plastik, die sich in einer steten, sachten Bewegung befindet, erzeugbeim Betrachter Neugier und FaszinationAgnes Lammert versteht es ebenso, eine immanente Ambivalenz zwischeMaterialbeschaffenheit und Wirkung ihrer Arbeit ›Kazé‹ zu verleihen. Die Empfindlichkeit des Materials Wachs der Temperatur gegenüber, bestätigt es als vergängliches, fragiles Artefakt eines kurzlebigen Zeitabschnittes. Das Zusammenspiel von scheinbarer Schwere und vorgeblicher Leichtigkeit spielt in degegenseitigen Bedingung und Widersprüchlichkeit aueine ungewisse Zukunft an, welche mider Ausstellung hinterfragt werden kann. Was beschäftigt, was bleibt bestehen und was wird vergehen


Die Arbeit von Jirka Pfahl untersucht die Möglichkeiten und Grenzen eines blockchainbasierten Kunstwerkes, welches sich an den neuen digitalen Werten und Bewertungssystemen orientiert. Blockchain beschreibt eine kontinuierlich erweiterbare Liste von Datensätzen und lässt sich ins Unendliche fortführen. Die in dem verborgenen Netz des Computers existierende Verkettung bringt Jirka Pfahl in eine sichtbare Form. So bestehen seine Arbeiten aus gefalteten Formen, die wie ein Netz die gesamte Bildfläche einnehmen. In der ständigen Wiederholung einzelner Formen und ihrer Reproduzierbarkeit stoßen sie Gedanken über die Unendlichkeit an. Diese Arbeit soll stellvertretend stehen für die Errungenschaften der Technik, welche auch in einem dystopischen Szenario ohne menschliche Bevölkerung weiter existieren würden. Jirka Pfahl führt uns mit Hilfe seiner auf strengen Ordnungsregeln beruhenden Arbeiten vor Augen, dass der Mensch, der selbst endlich ist, unendliche Dinge erschaffen kann. Neben der rasanten technischen Entwicklung hat sich auch der menschliche Geist und Verstand gewandelt. Kritisches Denken gehört mehr denn je zum Zeitgeist. 


Jenem Zeitgeist widmet sich auch Franziska Klotz in einer ihrer Arbeiten, die unter anderem Teenager porträtiert, auf deren Generation sowohl schweres Erbe als auch große Hoffnung liegt. Die Kritik der jüngeren Generation wird zunehmend lauter, bestehende Konventionen zu überdenken. Den Ruf nach einem Umschwung der in Traditionen verhafteten Gesellschaft, greift Franziska Klotz in ihrer Position als Malerin auf. Bestehende und veraltete Ordnungen führen in eine düstere Zukunft, die Franziska Klotz in ihrem Werk ›Moorbrücke‹ verbildlicht. Der Drang, eine solche traditionsbedingte Konformität zu sprengen, wird im Werk ›Glass 1‹ über einen Sprung im Glas verdeutlicht. Franziska Klotz zeigt hier einen zerstörten Bildgrund, der die gesamte Fläche für sich in Anspruch nimmt und die ungewisse Positionierung in einer Welt der Umbrüche und Neurungen in Form von scheinbar spiegelnden Facetten zitiert. Einzelne Bruchteile, die sich einer Durchsicht verwehren, nehmen damit direkten Bezug auf jegliche Ungewissheiten einer Nachwelt. 

Die Skulpturen von Ronny Szillo stellen sich der spielerischen Frage, welche Gegenstände aus unserer heutigen Zeit ein zukünftiger Archäologe wohl finden würde. In direktem Vergleich zu historischen, aufsehenerregenden Grabfunden vergangener Zeit schafft Ronny Szillo schrill-bunte Fossilien der Zukunft. In Anlehnung an über Jahrtausende zusammengepresste Gesteinsschichten, in welchen versteinerte Schnecken und Pflanzen zu finden sind, umschließt der graue Beton bunte Sneaker, glitzernde Handyhüllen und Alltagsgegenstände wie Zahnbürsten. Keine handbemalten Keramikscherben oder antiken Werkzeuge werden Zeugnis unserer Zivilisation sein, sondern all jene scheinbar gewöhnlichen Objekte und Artefakte, die Ronny Szillo in einer argwöhnischen Reflexion des Anthropozäns verschmelzen lässt. Mit einem kritischen Augenzwinkern gibt der Künstler sich als Zukunftsvisionär zu erkennen, der nicht nur die multimediale Struktur unserer Zeit im Sinne einer ,,schönen neuen Welt" zu hinterfragen wagt, sondern sich auch kunstgeschichtlich in einen Dialog mit Materialbeschaffenheit und Handwerk begibt. Die Ästhetik des 21. Jahrhunderts wird von Ronny Szillo für die Nachwelt in Beton gegossen.

– Lachenmann Art 


The exhibition ›NACHWELT‹ at the Lachenmann Art Gallery in Frankfurt deals with the question of what remains of art and artistic existence in the hypothetical case of a dystopian event. In this scenario, we look into a future without human beings, but with all the artefacts they have left behind. This imaginary dystopia allows the visitor to look at human existence from a seeming distance and, through this, to understand and evaluate the present state of being anew. In the exhibition ›NACHWELT‹, four artists provide insights into their reflections on and artistic realisation of the thought game of a potential afterworld.

Agnes Lammert's free-hanging sculptures symbolize the heaviness of a dystopia, transience and the lightness that follows. The artist succeeds with the work ›Schwere‹, a fictitiously light, permeable fabric that caresses the forms of a body. The freely hanging sculpture, which is in a constant, gentle movement, induces curiosity and fascination in the viewer. Agnes Lammert is equally adept at imbuing her work with ›Kazé's‹ immanent ambivalence between material texture and effect. The sensitivity of the material wax to temperature confirms it as a transient, fragile artifact of a short-lived time period. The interplay of apparent heaviness and pretended lightness, in their mutual condition and contradiction, alludes to an uncertain future that can be questioned with the exhibition. What occupies, what persists and what will fade away?


Jirka Pfahl's work explores the possibilities and limits of a blockchain-based artwork that is oriented towards the new digital values and valuation systems. Blockchain describes a continuously expandable list of data records and can be continued into infinity. Jirka Pfahl brings the interlinking that exists in the hidden network of the computer into a visible form. Thus his works are composed of folded forms that take up the entire picture surface like a net. In the constant repetition of individual forms and their reproducibility, they trigger thoughts about infinity. This work is meant to be representative of the achievements of technology, which would continue to exist even in a dystopian scenario without human population. With the help of his works based on strict rules of order, Jirka Pfahl shows us that man, who is himself finite, can create infinite things. Alongside the rapid technical development, the human spirit and mind have also changed. Critical thinking is more than ever part of the zeitgeist.

Franziska Klotz also focuses on this zeitgeist in one of her works, which portrays teenagers, among others, on whose generation lies both a heavy legacy and great hope. The criticism of the younger generation is becoming increasingly louder to rethink existing established conventions. Franziska Klotz embraces the demand for a change in society, which is bound up in tradition, in her position as a painter. Existing and outdated orders lead to a bleak future, which Franziska Klotz visualises in her work ›Moorbrücke‹. The urge to break with such traditional conformity is illustrated in the work ›Glass 1‹ by a crack in the glass. Here, Franziska Klotz shows a destroyed pictorial ground that claims the entire surface for itself and cites the uncertain positioning in a world of changes and innovations in the form of seemingly mirroring facets. Individual fragments that refuse to be seen through thus make direct reference to any uncertainties of a posterity.

Ronny Szillo's sculptures raise the playful question of which objects from our present time a future archaeologist would be likely to find. In direct comparison to historical, sensational grave finds of past times, Ronny Szillo creates garishly colourful fossils of the future. In reference to layers of rock pressed together over thousands of years, in which fossilised snails and plants can be found, the grey concrete encloses colourful sneakers, glittering mobile phone cases and everyday objects such as toothbrushes. No hand-painted ceramic shards or antique tools will bear witness to our civilisation, but all those seemingly everyday objects and artefacts that Ronny Szillo fuses into a suspicious reflection of the Anthropocene. With a critical wink, the artist reveals himself as a visionary of the future who not only dares to question the multimedia structure of our time in the sense of a "brave new world", but also enters into a dialogue with the history of art, the nature of materials and craftsmanship. The aesthetics of the 21st century are cast in concrete by Ronny Szillo for posterity.


– Lachenmann Art

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